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Warum ist der europäische Antisemitismus auf dem Vormarsch?

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Source: israelnationalnews

von Dr. Manfred Gerstenfeld

Nach all den Jahren des massiven Judenhasses hat sich die EU nicht einmal bemüht, Vergleichsstatistiken über Antisemitismus zu erstellen.

Dennoch werden die jährlichen Zahlen in einem spezifischen Land in der Regel nach der gleichen Methodik ermittelt. In Frankreich stiegen nach Angaben des Innenministeriums die antisemitischen Vorfälle von 311 im Jahr 2017 auf 541 im Jahr 2018. „Antisemitismus breitet sich wie ein Gift aus“, sagte Innenminister Christophe Castaner.

Die deutsche Bundesregierung berichtet, dass im Jahr 2018 1646 Straftaten im Zusammenhang mit dem Hass auf Juden standen. Dies entspricht einer Steigerung von 10% gegenüber den Vorjahren.  Körperliche Angriffe stiegen von 37 im Jahr 2017 auf 62 im Jahr 2018.

Die von der britisch-jüdischen Verteidigungsorganisation Community Security Trust gesammelten Daten zeigen, dass 2018 im Vereinigten Königreich 1652 antisemitische Vorfälle gemeldet wurden. Dies entspricht einer Steigerung von 16% gegenüber dem Vorjahr. Die hauptsächlich gewaltlosen Vorfälle ereigneten sich im Laufe des Jahres ziemlich regelmässig. Erstmals wurden jeden Monat mindestens 100 Vorfälle erfasst.

Je mehr Daten gesammelt werden, desto schlimmer wird das Ergebnis. Eine Umfrage im März 2019 ergab, dass 90% der französischen jüdischen Studenten angaben, dass sie auf dem Universitätsgelände antisemitischen Missbrauch erfahren haben. Zwanzig Prozent gaben an, dass sie mindestens einmal Opfer eines antisemitischen körperlichen Angriffs wurden. Von diesen berichtete mehr als die Hälfte, dass sie mehr als einmal Gewalt erlitten haben.

Die Eurobarometer-Studie 484 Wahrnehmungen von Antisemitismus aus dem Jahr 2019 ergab, dass in allen oben genannten Ländern die Mehrheit der Bevölkerung Antisemitismus als ein grosses Problem wahrnimmt.

Im Jahr 2018 führte die Fundamental Rights Agency (FRA) in zwölf Ländern die wahrscheinlich grösste Studie über die Wahrnehmung von Antisemitismus durch Juden durch. Diese Studie ist zwar nicht statistisch stichhaltig, gibt aber auch deutliche Hinweise auf einen schwerwiegenden Antisemitismus.

Eine Vielzahl von weiteren Untersuchungen sind verfügbar. Die Aussage bezüglich des zunehmenden europäischen Antisemitismus ist eindeutig.

Was sind die Gründe dafür? Um dieses Phänomen vollständig zu verstehen, bedarf es einer Reihe von vertieften Studien. Jede Analyse ohne diese Daten birgt spekulative Elemente. Aber das bedeutet nicht, dass wir nichts wissen.

Wie so viele Themen der Postmoderne sind auch die Gründe für den Anstieg des Antisemitismus vielfältig. Die Behauptung antisemitische Vorfälle in europäischen Ländern würden zunehmen, wenn Israel grössere Kampagnen gegen die Palästinenser durchführt, mag in der Vergangenheit gültig gewesen sein. Zumal auch viele Muslime die sich mit den Palästinensern identifizieren, heute in Europa leben. Die Tatsache das Israel 2018, einem Rekordjahr des Antisemitismus in Europa nach dem Krieg, keine grosse Offensive unternommen hat, scheint aber darauf hinzudeuten, dass eine grosse Wechselwirkung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt nicht die Haupttriebkraft des Hasses ist.

Ein weitaus wichtigeres Element ist die strukturelle Komponente: Antisemitismus ist ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur. Das ist schon seit vielen Jahrhunderten so. Antisemitismus ist ein weitaus älteres Merkmal der europäischen Kultur als die Demokratie. Während der Antisemitismus im Laufe der Jahrhunderte ununterbrochen existierte, war es das viel jüngere Konzept der Demokratie nicht. In vielen Ländern wurde sie durch Nazismus, Kommunismus und Faschismus unterbrochen. Ein Teil davon war freiwillig und ein Teil das Ergebnis der Besetzung.

Das Aufkommen von sozialen Medien ist ein weiterer wichtiger Faktor für antisemitische Hetze. Im Mittelalter mussten die Dominikaner Mönche von Stadt zu Stadt gehen, um gegen die Juden aufzuhetzen. Heute verbreitet sich der Hass mit grosser Geschwindigkeit im Internet. Das Sperren von Hassrede durch Internetdienstanbieter ist unzureichend. Das Gleiche gilt für Social Media Unternehmen wie Facebook und Twitter.

Die besten Phasen für Juden in Demokratien sind in der Regel in den ruhigeren Zeiten.Heutzutage scheinen die Unruhen zuzunehmen. Die hauptsächlich muslimische Einwanderung, die von zahlreichen Terroranschlägen begleitet wurde, war ein wichtiger Faktor für die Zunahme des Rechtspopulismus in einer Reihe von europäischen Ländern. Dies wiederum hat zu Reaktionen gegen den Populismus geführt. Die EU befindet sich in einer Phase der Unsicherheit. Der Brexit ist ein wichtiger Faktor, aber nicht der einzige, der die Zukunft der EU trübt. Die wirtschaftlichen Probleme in Italien könnten sich auf die gesamte EU auswirken.

Das schleppende Wirtschaftswachstum in der EU stimuliert politische Bewegungen, die einen Teil des Reichtums umverteilen wollen. Dies schafft allgemeine Unruhe und kann die Lebensumstände der Juden bis zu einem gewissen Grad beeinträchtigen.

Ein weiterer Faktor ist die vielerorts vernachlässigte staatliche Förderung in die Polizeikräfte. Berlin ist heute die Hauptstadt des Antisemitismus in Europa. Es gibt schwere Anschuldigungen gegen den Berliner Senat, seine Polizei nicht unterstützt zu haben. Der Polizei fehlen oft technische, persönliche und rechtliche Mittel im Kampf gegen die grossen arabischen Clans, die die organisierte Kriminalität mit Prostitution, Drogenhandel und «Schutzgeld» in der Stadt dominieren.

Auch das Justizsystem in verschiedenen europäischen Ländern scheint nicht effektiv zu sein. Das Simon Wiesenthal Center hat vor langer Zeit angekündigt, dass es, wenn endlich eine der vielen Beschwerden über Antisemitismus in Schwedens drittgrösster Stadt Malmö zu einer Verurteilung durch ein Gericht führen würde, seine Reisewarnung für die Stadt beenden wird. Doch das ist noch nicht geschehen.

Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass es zu erheblichen positiven Veränderungen der Lebensbedingungen für die europäischen Juden kommen wird. Die Juden, die in Europa leben und sich öffentlich mit dem Judentum identifizieren wollen, werden mit Antisemitismus leben müssen. Je stärker sie jüdisch sind, desto wahrscheinlicher werden sie weiterhin mit Problemen und Bedrohungen konfrontiert sein, die sich aus dem Hass auf Juden ergeben.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Publizist und ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs.