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Studie: Antisemitismus an Schulen auch unter Lehrern „normalisiert“

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Source: idw

Viele jüdische Schüler und Lehrer an deutschen Schulen gehen aus Angst nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Die Präsentation von Hitlergruß und Hakenkreuz sowie Sprüche über Gas und Vergasung scheinen weitgehend enttabuisiert. Engagierte Lehrer bleiben oft auf sich allein gestellt. Eine neue Studie von Frankfurter Wissenschaftlern zum Antisemitismus an Schulen gelangt zu bedenklichen Ergebnissen.

Antisemitismus ist in der vergangenen Zeit in der Öffentlichkeit verstärkt sichtbar geworden: Wiederholte Angriffe auf jüdische Kinder und Jugendliche zeigen, dass es auch an vielen deutschen Schulen ein Problem gibt. „Du Jude“ ist 73 Jahre nach dem Holocaust ein auf Pausenhöfen und in Klassenzimmern häufig benutztes Schimpfwort. Zudem herrscht in den Lehrerzimmern häufig Unwissen über Antisemitismus unter Schülern vor – oder das Thema wird bagatellisiert, manchmal sogar toleriert. Für das Thema sensibilisierte Pädagogen hingegen fühlen sich oft überfordert und allein gelassen.

Diese sind einige Ergebnisse der aktuellen Studie „,Mach mal keine Judenaktion!‘ einer Arbeitsgruppe um Professor Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS). Für die Studie führten die Wissenschaftler deutschlandweit über 17 Monate knapp 230 Interviews an 171 Schulen. Befragt wurden jüdische Schüler, deren Eltern, Lehrkräfte sowie Fachleuten aus der Sozialarbeit und aus Bildungsorganisationen. Im Vordergrund der Studie stand – erstmals, so die Autoren – die Perspektive der Betroffenen, bezog aber dennoch verschiedene Akteure schulischer Bildung ein.

Drei inhaltliche Problemschwerpunkte des Antisemitismus an Schulen kristallisierten sich schließlich in der Befragung:

  1. Antisemitismus in Bezug auf Israel sei unter Schülern und Lehrern normalisiert. Er manifestiere sich als sogenannte „Israelkritik“, die oft Aggressivität und Hass gegen Juden verbirgt. Israel wird laut Bernstein „zum ,Juden unter den Staaten‘, er wird dämonisiert, und die jüdischen Schüler werden als Repräsentanten des Staates verhasst.“
  2. Antisemitismus werde nicht als Phänomen eigener Art wahrgenommen. Oftmals würde er als Rassismus missverstanden. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede würden oft nicht verstanden.
  3. Der gegenwärtige Antisemitismus artikuliere sich häufig in Bezugnahmen auf den nationalsozialistischen Antisemitismus und die Shoah. Es zeichne sich eine deutliche Kontinuität des Antisemitismus ab. „Die Dimension der Nutzung nationalsozialistischer Symbolik unter Jugendlichen sowie auch an Jüdinnen und Juden gerichtete Vernichtungsphantasien in direkter Bezugnahme auf die Shoah haben uns überrascht”, sagt Bernstein. Die Präsentation von Hitlergruß und Hakenkreuz sowie Sprüche über Gas und Vergasung seien in hohem Ausmaß enttabuisiert.

Für Bernstein zeige die Studie nicht nur bedenkliche Tendenzen im schulischen Bereich: „Die Schule ist ein Mikrokosmos. Gesamtgesellschaftliche Phänomene bilden sich in der Institution Schule und im Habitus ihrer Akteurinnen und Akteure wie unter einem Brennglas ab. Das gilt auch für Antisemitismus“, so die Soziologin. Antisemitismus beginne nicht erst dann, wenn jüdische Schüler bedroht würden oder Gewalt erführen. „Solche Angriffe stellen nur die Spitze einer Stufenleiter der Ausdrucksformen des Antisemitismus in Schulen dar“, stellt sie klar.

„Die Ergebnisse unserer Untersuchungen belegen, dass jüdische Kinder und Jugendliche im Schulalltag mit Antisemitismus in verschiedenen Erscheinungs- und Ausdrucksformen konfrontiert sind.“, resümiert Bernstein. Sie seien nicht nur verschiedenen antisemitischen Stereotypen, Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt, „sondern auch oft einer feindseligen Atmosphäre, die einen selbstverständlichen, offenen Umgang mit ihren jüdischen Identitäten erschwert, wenn nicht gar verhindert.“

Besonders erschreckend: Die Artikulation von Antisemitismus und Anfeindungen gehe nicht ausschließlich von der Schülerschaft, sondern teils auch von Lehrkräften aus. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Teilen des Kollegiums und blieben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein. Diese Erfahrungen finden sich nach den Berichten der Interviewten in unterschiedlichen Schulformen, Klassenstufen und Orten in ganz Deutschland wieder.

Ihre Ergebnis schlüsseln die Wissenschaftler in ihrer Studie aus drei Perspektiven auf: die der jüdischen Schüler, die der nicht-jüdischen Lehrer und die der jüdischen Lehrkräfte

Aus sicht der Schüler sei Antisemitismus an deutschen Schulen Normalität, Sätze wie „Mach mal keine Judenaktion“ oder „Deine Mutter ist doch Jude“ sind gebräuchlich. Jüdische Schüler erlebten subtile Anmerkungen, diffuse Ablehnung, offenen Hass und auch Gewalt. Die offene Selbstpräsentation Jude in der Schule berge die Gefahr, antisemitischen Angriffen ausgesetzt zu sein. Dies reiche von Bloßstellungen als Jude – einem Betroffenen wurde in den ersten Tagen an einer neuen Schule ein Zettel mit der Aufschrift „Jude“ auf den Rücken geklebt, und niemand machte ihn während des ganzen Schultags darauf aufmerksam – über Zurückweisungen durch Freunde und Judenwitze bis hin zu physischen Angriffen. Viele jüdische Schüler gingen deshalb aus Angst vor Antisemitismus nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Antisemitische Anfeindungen gingen von Schülergruppen jeden Alters und jeder Schulform aus. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Lehrkräften und blieben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein.

Aus der Perspektive der Lehrer ließen sich folgende wesentliche Problemfelder rekonstruieren: Antisemitische Verschwörungstheorien sein unter der Schülerschaft weit verbreitet, Lehrer hätten Schwierigkeiten im Umgang damit. Die falsche Wahrnehmung des Antisemitismus als ausschließliches Problem muslimischer Schüler von manchen Lehrern führe zudem dazu, dass Antisemitismus anderer Gruppen an Schulen oftmals nicht adäquat problematisiert werde. „Bei Lehrerinnen und Lehrern, die sich gegen Antisemitismus engagieren, fällt auf, dass sie oftmals überfordert sind: Auch fehlt ihnen oft die Kompetenz zur professionellen Intervention und die strukturelle Unterstützung der Institution Schule“, so Bernstein. Zudem werde auch in den Berichten der Lehrkräfte deutlich, dass sie zum Teil antisemitische Stereotype und Weltanschauungen verinnerlicht hätten und selbst in die Klassenzimmer trügen. Überdies zeigten sich laut den Studienautoren gravierende Defizite in der Thematisierung des Nahostkonflikts im Unterricht und im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. „Im Kontrast dazu haben wir festgestellt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer keinen Bedarf für Weiterbildungen im Bereich Antisemitismus sehen, bzw. Weiterbildungsangebote nicht in Anspruch nehmen“, so Bernstein.

Viele jüdische Lehrkräfte berichteten in den Interviews mit den Forschern davon, dass sie als offen auftretende religiöse Juden sowohl von der Schulleitung als auch im Kollegium Benachteiligungen, teils sogar Anfeindungen erfahren haben. „Manche jüdischen Lehrkräfte bezeichnen einen offenen Umgang mit ihrer jüdischen Identität als ,Outing‘“, so Bernstein. „Viele von ihnen möchten, dass ihre jüdische Identität im Kollegium und in der Schülerschaft nicht bekannt wird.“ Auch jüdische Lehrkräfte seien mit antisemitischen Anfeindungen aus der Schülerschaft konfrontiert. Diese reichten von Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen. Kollegen äußerten ihnen gegenüber teils antisemitische Stereotype und Vorurteile. Jüdische Lehrer, die ein großes Engagement gegen Antisemitismus unter Schülern zeigten, blieben oft auf sich allein gestellt und erführen keine Unterstützung vom Kollegium.

Auf Grundlage der Forschungsbefunde formulieren die Studienautoren abschließend Handlungsempfehlungen für Lehrer, betonnen dabei allerdings selbst, dass es pauschale Handlungsrezepte zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus nicht gebe. „Es bedarf verschiedener Handlungsstrategien, die neben dem Wissen über Antisemitismus auf pädagogischen Kompetenzen und der Bereitschaft beruhen, jeder antisemitischen Äußerung entgegenzuwirken“, so Bernstein. Jede Manifestation des Antisemitismus müsse eine pädagogische oder disziplinarische Reaktion nach sich ziehen. Überdies sei es wichtig, präventiv zu arbeiten, um Fragmenten antisemitischer Weltanschauung und Ressentiments unter Schülern zu begegnen und antisemitische Angriffe zu verhindern. Bernstein betont: „Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus.“ (zab, pm)

Der 400 Seiten umfassende Forschungsbericht erscheint zunächst online. Eine gedruckte Version ist geplant. Die Handlungsempfehlungen sollen ebenfalls als Broschüre für Lehrkräfte und Sozialarbeiter erscheinen.