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Allgemeines Artikel Deutschland

Was wir über Antisemitismus unter jungen Muslimen wissen – und was wir dagegen tun können

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Source: HuffPost

Dr. Michael Kiefer

 

Antisemitismus ist ein Problem in Deutschland. Verbale
Ausfälle, handfeste Attacken – beides ist Alltag.

 

Und in fast allen gesellschaftlichen Gruppen zu finden.
Unter anderem unter Rechtspopulisten, aber auch unter Muslimen. Das belegt etwa
eine Studie des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA).

 

Ganz grundlos ist also die Furcht jüdischer Gemeinden
nicht, dass ein Teil der Flüchtlinge antisemitische Ansichten vertreten könnte.

 

Vor allem in Syrien war unter dem Baath-Regime der Antisemitismus über
Jahrzehnte ein fester Bestandteil der staatlichen Propaganda.

 

Herausragendes
Beispiel ist der langjährige Verteidigungsminister Mustafa Talas, dessen
antisemitisches Machwerk “fatir sihyun” (“Matzen Zions”)
zwölf Auflagen erreichte.

 

Antisemitischer
Trash für Flüchtlinge

Behandelt wird
darin die Damaskusaffäre des Jahrs 1840, in deren Verlauf Damaszenser Juden des
Ritualmords beschuldigt werden.

Ob und in welchem Ausmaß dieser antisemitische Trash Flüchtlinge prägt, wissen
wir nicht. Es fehlt schlicht an wissenschaftlichen Untersuchungen, die hier
seriös Auskunft geben könnten.

Dieser Sachverhalt kommt jedoch keiner allgemeinen Entwarnung gleich.

Denn antisemitische Einstellungen und Handlungen spielen in verschiedenen
muslimischen Zuwanderungscommunitys zumindest teilweise eine Rolle.

Dies zeigen vor allem eine Reihe von Gewalttaten, die ab dem Jahr 2000
beobachtet wurden.

 

Darunter der
Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge und die Beschädigungen der Essener
Synagoge im Jahr 2000, die von den Tätern im Kontext der “Zweiten
Intifada” verortet wurden, die Steinwürfe auf eine jüdische Tanzgruppe in
Hannover 2010, die Übergriffe auf einen Rabbiner und Jüdische Schülerinnen in
Berlin 2012 und antisemitische Vorfälle auf Demonstrationen im Jahr 2014, die
sich auf eine israelische Militäroperation im Gaza bezogen.

Die Auflistung, die keineswegs Vollständigkeit beansprucht, zeigt ohne jede
Frage ein Problem.

In manchen muslimisch geprägten Zuwanderermilieus finden wir antisemitische
Erzählungen und Schimpfwörter im Alltag.

 

Israelbezogener
Antisemitismus besonders unter Jugendlichen

Insbesondere
Jugendliche neigen mitunter zu Sichtweisen, die in der Kategorie
“israelbezogener Antisemitismus” verortet werden können.

So zeigt eine 2013 von Jürgen Mansel und Viktoria Spaisel vorgelegte Studie,
dass der israelbezogene Antisemitismus bei Jugendlichen mit arabischstämmigen
Hintergrund eine deutlich größerer Rolle spielt als bei Jugendlichen, die über
keinen Migrationshintergrund verfügen.

 

Auf einer
vierstufigen Antwortskala stimmten zum Beispiel 41,5 Prozent der
arabischstämmigen Jugendlichen dem Statement “Durch die israelische
Politik werden mir die Juden immer unsympathischer” voll zu. Bei den
Jugendlichen ohne Migrationshintergrund waren es 2,9 Prozent.

Diese Sachlage ist unter Expertinnen und Experten weitgehend unstrittig.
Uneinigkeit herrscht jedoch bezüglich der Frage, welchen Einfluss die Religion
bzw. der Islam auf die Genese des Antisemitismus hat.

 

Islamische
Narrative spielen eine Rolle, jedoch erscheinen diese in Mischformen, in der
auch christliche Narrationen und Elemente des säkularen, modernen
Antisemitismus vorkommen.

 

Dies zeigt zum
Bespiel die bereits erwähnte antisemitische Schmähschrift “Matzen
Zions”. Die dort dargelegte Geschichte eines Ritualmordes stammt nicht aus
islamischen Kontexten, sondern verweist unzweifelhaft auf
Ritualmorderzählungen, die dem christlichen Antijudaismus des Mittelalters
entstammen.

Ähnlich verhält es sich mit den zahlreichen Verschwörungsvorwürfen, die in
Bezug auf die Politik Israels kolportiert werden. Zu finden sind solche etwa in
der Charta der islamistischen Hamas.

 

Eine jüdische
Weltverschwörung

Die Narration
einer jüdischen Weltverschwörung, die hier ausgeführt wird, entstammt den
“Protokollen der Weisen von Zion”, die den modernen Antisemitismus
maßgeblich prägten.

Angesichts dieser Gemengelage ist es wenig verwunderlich, dass Jugendliche aus
muslimischen Sozialisationskontexten antisemitische Narrationen in eigenen
Kolportagen neu zusammensetzen.

 

Dies zeigt sich
zum Beispiel in der Behauptung, die Juden hätten den Propheten getötet und dies
könne man so auch im Koran nachlesen.

Dieses und andere Beispiele zeigen, dass der Antisemitismus sich in vielen Fällen
in widersprüchlichen und inkohärenten Erzählungen präsentiert.

 

Es handelt sich durchweg um eine krude Mischung, deren Zutaten
aus aktuellen Wahrnehmungen des Nahost-Konflikts, Elementen des klassischen
Antisemitismus und dekontextualisierten islamischen Narrationen bestehen.

Wie kann man diesem gefährlichen Unsinn begegnen? Leider wird diese Frage nicht
mit der gebotenen Dringlichkeit bearbeitet.

Gefordert ist vor allem die Schule, denn nur hier besteht die Möglichkeit, über
einen längeren Zeitraum alle Jugendlichen zu erreichen.

 

Doch ein Blick in die Schulbücher zeigt, dass der israelbezogene
Antisemitismus kein wirkliches Unterrichtsthema ist. Der Nahost-Konflikt kommt
kaum oder gar nicht vor. Das ist mehr als unverständlich.

Ferner ist zu monieren, dass der Umgang mit antisemitischen Sprechverhalten
kein Gegenstand der Lehrkraftausbildung ist. Folglich reagieren manche
Lehrkräfte eher hilflos auf antisemitische Tiraden im Unterricht.

Darüber hinaus muss man auch die großen muslimischen Verbände und ihre
Gemeinden fragen, was sie gegen Antisemitismus unternehmen.

 

Leider findet
man nur wenige Projekte und insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht
erwehren, dass der israelbezogene Antisemitismus als Thema der Gemeindearbeit
noch nicht erkannt wurde.

 

Dr. Michael Kiefer ist Postdoc am Institut für
Islamische Theologie der Universität Osnabrück und forscht unter anderem zu
Fragen der Radikalisierungsprävention.