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Allgemeines Artikel Deutschland

„Jude“ grassiert als Schimpfwort an Dortmunder Schulen

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Source: waz

Mit
wachsendem Antisemitismus muss sich die jüdische Gemeinde in Dortmund
auseinandersetzen. An Schulen wird “Du Jude” als Schimpfwort
verwendet.

 

Die
jüdische Gemeinde in Dortmund spürt einen wachsenden Antisemitismus und fordert
eine Debatte über Respekt in der Gesellschaft. Das Problem existiert auch an
Schulen: Jugendliche verwenden „Du Jude“ als Schimpfwort, um Mitschüler
herabzusetzen.

 

Dortmund
am vergangenen Wochenende: Beschädigte Figuren jüdischer Spieler vor dem
Fußballmuseum am Königswall. Ein Foto der 1945 im Konzentrationslager
Bergen-Belsen gestorbenen Jüdin Anne Frank auf einem Aufkleber mit
Schalke-Emblem, der im BVB-Umfeld aufgetaucht ist. Dazu der ständige Hass auf
Juden in Kommentarspalten im Internet. Verunsichert und besorgt beobachtet die
jüdische Gemeinde in Dortmund einen größer werdenden Antisemitismus.

 

„Es ist höchste Zeit, dass wir uns aktiver
mit diesen Problemen beschäftigen“, sagte der Rabbiner Baruch Babaev am
Donnerstag auf einem „Netzwerktreffen gegen Antisemitismus“. Eingeladen hatten
dazu die Amadeu-Antonio-Stiftung und das Anne-Frank-Zentrum aus Berlin. Mehrere
Dortmunder Organisationen nahmen daran teil.

 

Existenzrecht
Israels wird in Zweifel gezogen

 

Antisemitismus
werde in Deutschland „offener und aggressiver“ ausgelebt und sei auf Umwegen
über einseitige Kritik an Israel in der Mitte der Gesellschaft angekommen,
berichtet die Stiftung in ihrem „Lagebild Antisemitismus 2016/2017“. Die Kritik
geht so weit, dass das Existenzrecht Israels in Zweifel gezogen wird. Irritiert
hat die jüdische Gemeinde zur Kenntnis genommen, dass die Auslandsgesellschaft
einem Redner mit israel-feindlichen Positionen Räume zur Verfügung gestellt
habe.

 

Der
Sozialwissenschaftler Jan Riebe von der Amadeu-Antonio-Stiftung berichtete auch
vom selbstbewussten Auftreten der Rechtsextremisten. „Ungehemmt“ werde der
Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten (Holocaust) geleugnet.
Die Angst vor Strafverfolgung sei abgelegt. Gedenkveranstaltungen für die Opfer
nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Dortmund wie am 9. November am
Mahnmal in Dorstfeld werden seit Jahren von Neonazis gestört.

 

Im
Bewusstsein vieler Menschen wird Antisemitismus nicht wahrgenommen

 

Zwi
Rappoport vom Vorstand der jüdischen Gemeinde vermisst eine öffentliche
Debatte, die nicht allein eine Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft sei. „Die
Zivilgesellschaft muss insgesamt unsere demokratischen Rechte schützen. Aber es
fehlt oft an Empathie und Interesse. Da ist auch eine große Geschichtslosigkeit
festzustellen“, sagte er. Desinteresse in Dortmund?

 

Zwi
Rappoport erklärt: „Im interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und
Muslimen werden wir sehr ernstgenommen. Auch beim Oberbürgermeister und dem Polizeipräsidenten
finden wir volle Unterstützung. Aber im Bewusstsein vieler Menschen wird
Antisemitismus nicht wahrgenommen.“ Mit der Zuwanderung aus arabischen Ländern
sei der Antisemitismus weiter gestiegen.

 

Schüler
hören „Du Jude“ als Schimpfwort

 

Max Kolbasner
vom Studentenverband der jüdischen Gemeinde berichtete auf dem Treffen vom
Alltag jüdischer Kinder, die antisemitischen Ressentiments ausgesetzt seien und
„Du Jude“ als Schimpfwort ertragen müssten. Er schilderte einen Fall an einem
Gymnasium, an dem Lehrer nach judenfeindlichen Äußerungen „das Problem
heruntergespielt“ hätten.

 

Max
Kolbasner: „So etwas macht den Kindern Angst. Sie schalten auf stumm, wenn
ihnen in der Schule nicht geholfen wird.“ In einem Fall habe ein Gymnasium erst
nach Intervention der jüdischen Gemeinde reagiert.

 

Auch
solche Ereignisse führten dazu, dass einige Familien sich nicht mehr trauten,
sich als Juden zu erkennen zu geben. Rabbiner Babaev: „Einige Familien ziehen
in Erwägung, nach Israel auszuwandern. Ich frage mich, wohin das führen soll,
denn Dortmund ist unsere Heimat.“

 

Kinder
spüren den Judenhass

 

Die
Notwendigkeit der Polizeikontrollen vor der Gemeinde in der
Prinz-Friedrich-Karl-Straße und dem Kindergarten hinterließen bei Kindern ihre
Wirkung. Zwi Rappoport: „Was denken und fühlen Kinder, die mit Polizeischutz
aufwachsen? Unbewusst übertragen Eltern ihre Angst auf sie. Kinder spüren: Es
gibt Leute, die mich hassen.“

 

Vielen
sei nicht bewusst, wie sich der Antisemitismus für Kinder und Jugendliche
anfühle. Max Kolbasner: „Solange ,Du Jude‘ als Schimpfwort an den Schulen
benutzt wird, läuft etwas falsch. Eine gute Aufklärungsarbeit kann helfen, das
zu unterbinden.“ Gemeinde-Geschäftsführer Leonid Chraga sagte, dass „Du Jude“
inzwischen ein „Standard-Schimpfwort“ sei. Teilnehmer des Netzwerktreffens in
den Räumen der jüdischen Gemeinde wollen beraten, wie das Problem in Schulen
angegangen werden kann.

 

Dazu
Dortmunds Schuldezernentin Daniela Schneckenburger auf Anfrage der Redaktion:
„Lernen in Dortmund bedeutet auch: Lernen für eine offene und tolerante
Gesellschaft. Dazu gehört die beständige Auseinandersetzung mit den Ursachen
des Antisemitismus und mit der Verantwortung für den Holocaust. Antisemitismus
darf auf Dortmunder Schulhöfen keinen Platz haben, egal von wem.“