Deutschland / 12-04-2017

Antisemitismus an Berliner Schulen - "Die Jüdin ist da!"

source: rbb


Meist sind es abfällige Bemerkungen über Israel oder hämische Sätze zu ihrer Herkunft. Doch hinter ihrem Rücken ist auch schon mal von der "Judenschlampe" die Rede gewesen. Ein 14-jähriges jüdisches Mädchen über ihren Alltag an einer Berliner Schule. Von Jule Kaden


Mit ihren langen dunklen Haaren, die sich beide immer wieder aus dem Gesicht schütteln, ihren engen Jeans und ihren katzenhaft geschminkten braunen Augen könnten sie Schwestern sein: Shira und Delal.* Die eine ist Jüdin, die andere Muslimin. Beste Freundinnen. 14 Jahre alt. Eigentlich war das Treffen nur mit Shira geplant. Aber ohne ihre beste Freundin Delal, die sowieso alles wisse, geht gar nichts, sagt Shira.

 

"Es gibt kein Israel. Es gibt nur Palästina"

Die beiden Mädchen sagen sich alles und stehen zueinander, selbst wenn Delal von antisemitischen Lästereien hinter Shiras Rücken berichten muss oder gar selbst beschimpft wird: Ob sie sich als Muslimin nicht schäme, mit einer Jüdin befreundet zu sein. "Die Judenschlampe, wie kann sie stolz darauf sein, woher sie kommt", so etwas, erzählt das jüdische Mädchen Shira, seien Äußerungen, die durchaus hinter ihrem Rücken fielen. Und noch drastischer: Wenn sie an ihrer Stelle wären, würden sie sich selbst abstechen. Delal sitzt neben Shira und nickt bestätigend.

 

Die Mädchen wollen unerkannt bleiben, denn Shira ist zwiegespalten: Einerseits will sie dem Jungen aus Friedenau und eventuell anderen betroffenen jüdischen Jugendlichen zeigen, dass sie nicht allein sind, andererseits sorgt sie sich um die Reaktion der Schulkameraden – zumindest um die Reaktion derer, mit denen es sowieso gelegentlich Stress gibt.



Verstecken will Shira ihren Glauben dennoch nicht. Ihre Mutter unterstützt sie dabei und fördert auch zu Hause den offenen Austausch über beide Seiten des Konfliktes - gemeint ist der Nahostkonflikt. Sie fände es wichtig, sagt Shiras Mutter, dass ein Kind - egal ob jüdisch oder muslimisch, betroffen oder nicht betroffen - beide Seiten und Ansichten zu diesem Konflikt kennt.

 

Denn Sprüche wie "Nimm nicht auch noch mein Land weg!" oder "Es gibt kein Israel. Es gibt nur Palästina!" hört Shira öfter von muslimischen Schulkameraden.

 

"In den Fluren wurde gerufen: Die Jüdin ist da!"

Shira ist in Israel geboren. Sie mag das Land, sie mag ihre Religion und sie ist stolz darauf, Jüdin zu sein. So sei sie aufgewachsen, erzählt sie. Die Erinnerung daran, wie es war, mit gut zehn Jahren plötzlich nach Deutschland zu kommen, in ein Land, wo sie merke, dass sie von manchen einfach nur genau dafür gehasst werde, lasse Unwohlsein in ihr aufsteigen. Richtige Angst habe sie dennoch keine. Bisher sei es bei Sprüchen geblieben.

 

Als sie neu in die Klasse der Schule im ehemaligen Berliner Ostteil kam, habe sie befürchtet, keine Freunde zu finden, denn viele Mitschüler seien Muslime. Sie erinnert sich noch an ihren dritten Tag: "Es wurde in den Fluren gerufen: Die Jüdin ist da!" Jetzt sei in ihrer Klasse jedoch alles gut, mit Delal als bester Freundin. Überhaupt habe sie viele Freunde gefunden, denen ihr Glaube egal sei. An ihrer Schule werde außerdem Wert darauf gelegt, dass alle Menschen gleich sind – egal woher sie kommen oder an wen sie glauben. Dennoch gäbe es immer mal Kommentare von Schülern anderer Klassen. Die Lehrer würden das natürlich nicht gut heißen, bekämen aber natürlich auch nicht alles mit. Sie zuckt mit den Achseln.

 

"Ich schlag sie gleich. Sie ist Jüdin. Schämt sie sich nicht"

Eine der unangenehmsten Situationen sei gewesen, als Freunde von Schulkameraden zu Besuch kamen und irgendwann jeden darauf abgeklopft hätten, wer welche Religion habe: "Ich schlag sie gleich. Sie ist Jüdin. Schämt sie sich nicht", sagte einer in die Runde, als Shira selbstbewusst erklärte, sie sei Jüdin.



Als Shira das erzählt, wirkt sie zum ersten Mal wirklich verletzt. Delal, immer noch schweigsam, hat ihr die Hand auf das Bein gelegt und lächelt Shira an, als diese kurz überlegt. Sie sei dann einfach weggelaufen, habe so getan, als sei es ihr egal und habe sogar darüber gelacht, weil sie es lächerlich fand. Später gibt Shira zu: So etwas täte weh, denn "das ist meine Heimat, das ist mein Zuhause, das bin ich", sagt die 14-Jährige.

 

Eigentlich will sie über den Nahostkonflikt diskutieren

In so einer Situation sei Ignoranz die beste Lösung, damit die Sprücheklopfer aufhören, meint Shira. Aber eigentlich wolle sie über den Nahostkonflikt diskutieren, denn der sei weder ihre noch Israels Schuld - zumindest nicht allein. Das würden ihre muslimischen Schulkameraden, mit denen es Streit gibt, oft vergessen.

 

Aber, so räumt sie ein, vielleicht bekämen sie es auch nicht besser von zu Hause mit. Denn so habe jeder seine Sicht. Sie wisse auch nicht, welche die richtige ist. Aber mit ihren Freunden – den Christen, den Muslimen und den anderen – habe sie schon oft etwas Entscheidendes  festgestellt: "Schuld ist nicht einseitig. An einem Streit sind immer zwei beteiligt."